Warum aus Journalisten keine Biohacker werden und worauf es ankommt

Vor ein paar Tagen hat mir ein neuer Bekannter das Buch Biohacking von Charisius, Karberg und Friebe in die Hand gedrückt mit den Worten: Musst Du lesen, das ist soo cool, was die machen. Ich drücke mich seit Jahren, genauer: seit 2007 um eine Meinungsäußerung aber dieses Buch ist so dermaßen reißerisch geschrieben, dass ich das Gefühl habe, diesmal nicht umhin zu kommen.

Ok, das Buch ist cool. Die Journalisten haben solide recherchiert und auch ein Biologie lernt hier wichtige und interessante Dinge, zum Beispiel beim Thema „wer hats erfunden“ (PCR, Pipette). Zum Beispiel auch bei ganz praktischen Lösungen, die sich die Biohackerszene so ausgedacht hat (Schnellkochtopf als Autoklav). Außerdem findet man Namen und links zu Plattformen, die interessant sind, zu Leuten, die tolle Ideen haben. Warum also nervt mich dieses Buch von der ersten bis zur letzen Seite?

Da ist einmal die scheinheilige Argumentation. Erst wird mit Pseudoexpertenwissen geprotzt und damit, dass ja JEDER ALLES im Internet finden kann, also auch die drei, die hier zwei Jahre Experimentierarbeit reingesteckt haben: wenn es aber um die Fehleranalyse nach dem Misserfolg geht, dann will es wieder keiner gewesen sein. Dann heißt es wieder: Wir sind ja nur Laien, wir haben das ja nicht studiert, wir haben ja sowas von keine Ahnung und wollen es auch nicht wissen. Leute, so läuft das nicht. Wenn ein Biohacker ernst genommen werden will, dann muss er auch in vollem Umfang Verantwortung für das übernehmen, was er produziert, im Guten, wie im Schlechten. Dann kann man sich nicht rausreden, denn das verbietet die gute wissenschaftliche Praxis, unter der auch Biohacker arbeiten sollten. Die Scheinheiligkeit gilt  auch für die Darstellung der Rechtslage und die Frage, wann sich Das Gentechnikgesetz mit anderen Gesetzen beisst. Ja, die Situation in den USA ist einfacher, ohne Frage. Aber sich rechtliche Rosinen rauszupicken um einen Gesamtvorgang zu beschreiben, wie im Buch geschehen stinkt nach einer voreingenommenen Diskussion. Und hey: Ihr seid doch Biohacker, Ihr seid doch sicher unbiased, nicht?

Zum Zweiten bin ich überzeugt davon, dass die Autoren zumindest, was ihren Rizinversuch angeht, Blödsinn erzählt haben. Wenn man diesem einen Paper aus den 80ern (googlesuche von 2 min) glauben schenkt und dem, was die Autoren in ihrem Buch schreiben, haben sie versucht, eine PCR zu einem ca 2000 bp großen Stück DNA zu etablieren. Und dann haben sie auch irgendwas gesehen, aber was? Ein Größenabgleich wird nicht beschrieben, nur, dass der erste Versuch schief ging. Welche Größe habt Ihr gesehen? Wenn Ihr Transparenz der Wissenschaft fordert, seid auch Ihr gefordert, diese zu leisten.

Außerdem das mit der Genauigkeit: könnte es sein, dass mehrere Leute aus dem Kontext heraus falsch zitiert werden? So als genau recherchierende Journalisten, die Ihr wissenschaftlich arbeiten wolltet? Was ein Otto-Normal-Molekularbiologe unter angewandter Gentechnik versteht ist jedenfalls im Sprachjargon etwas anderes, als im Gesetz steht und hier Sagen und Meinen richtig zu interpretieren ist hier glaube ich nicht gerade glücklich gelungen.

Daneben wird mir entschieden zu viel mit diesen sexy-Schlagwörtern herumgeworfen: Ohgottohgott, grusel Biowaffen. Oder: Yeahyippie wir sind ja soo innovativ (aber vielleicht liegt diese Attitüde an Berlin?).Oder:  Hilfehilfe-Überwachung FBI. Es ist mir schon klar, dass das Buch verkauft werden soll und so ein Rant, wie ich ihn hier schreibe wird eher verkaufsfördernd sein, als hinderlich. Dennoch: muss das sein? Das ist, als würdet Ihr mir die Zeitung mit den großen Buchstaben verkaufen wollen. Und ebenso undifferenziert.

Um cool zu sein, wird dann schonmal gerne mit einschlägigen Kultautoren und Filmen um sich geworfen. Nur von Gibson, von Egan, von Stephenson, die auch hier die Standardliteratur geschrieben haben lese ich nichts. Wie genau nochmal habt Ihr recherchiert?

Und dann die Sache mit dem Supergau. Nach Ansicht der Autoren ist dass der Bioterrorismus (noch so ein Wort) und der Vergleich mit den Antraxsporen fehlt natürlich nicht. Aber an diesem Punkt sind wir eben auch noch lange nicht beim Biohacken, denn wie richtig beschrieben, geht es derzeit viel um Methodenentwicklung abseits großer Geldbeutel (eine absolute Notwendigkeit) und das Nachkochen von Ergebnissen aus den 80ern und 90ern. Der Supergau ist eher begründet in einer mangenlden Folgenabschätzung, wenn mal was klappt. Dass man zum Beispiel DEN Superantikeim gegen einen Pflanzenparasiten findet und einsetzt. Was passiert ist, dass man massiv in das biologische Gleichgesicht eingreift, ähnlich wie es in der Vergangenheit mit Chemikalien passiert ist (Beispiel DDT). Nur dass sich erfolgreiche Biologie durchsetzt und man den Prozess nicht durch Verbote ungeschehen machen kann. Wer sagt denn, dass besagter hypothetischer Parasit nicht für irgendeine biologische Nische essentiell ist? Hier den Fokus allein auf die großartigen Chancen zu setzen ohne Vorbildung unter Notwendigkeit einer wirklich verantwortungsvollen und nachhaltig denkenden Sichtweise  halte ich für falsch.

Genug gemeckert. Denn eines ist richtig und wichtig für die etablierte, wie alternative Biowissenschaf. Es hakt mächtig in der Kommunikation zwischen „echten“ und Hobbywissenschaftlern in der Biologie, schon seitdem das Fach definiert wurde. Wissen und Technologien, vor allem aber Hintergrundwissen zum Thema Verantwortung, Nachhaltigkeit müssen besser kommuniziert werden, wenn aus Biohackern mehr werden soll, als eine Gruppe Leute, auf die „echte“ Wissenschaftler herabsehen. Denn an großartigen Ideen mangelt es nicht. Wettbewerbe, wie das Igem des MIT sollten auch in Europa verstärkt stattfinden können. Gläserne Labors gibt es zwar, aber viel zu wenig und die Idee von Gemeinschaftslabors, in denen abseits der alltäglichen Arbeitslandschaft geforscht werden kann ist eine der besten, die mir in den letzten Jahren untergekommen ist. Wissenschaftler und Hacker sollten enger zusammenarbeiten können. Dazu muss ein Umdenken in den Köpfen derjenigen stattfinden, die glauben, Wissenschaft sei eine Frage von Institutsugehörigkeit und Geld. Die an die Instutionalisierung von Wissen glauben. Die Welt dreht sich weiter und Biohacker werden ihren Platz verteidigen und ausbauen, wenn auch sicher nicht, wie in Biohacking beschrieben.

Vorbeigeschneit: ein Artikel über Fans

Mir hat jemand einen sehr coolen Artikel über Fans  (und gendergender)verlinkt, den will ich an dieser Stelle mal einstellen. Nur soviel erstmal:

When women act according to stereotype, their behaviors get dismissed as feminine; when they act against stereotype, their behaviors get dismissed as aberrant or getreinscribed negatively as feminine nevertheless. In the case of overt sexual expression, for example, male desire for female stars is accepted as healthy virile sexuality, whereas female desire often gets redefined as overinvested and hysterical—a term that in its etymology, of course, already shows its genderedness.

und so weiter und so fort.

 

 

Anfang-Mitte-Schluß

Gerade treibe ich mich zur Quellenrecherche auf verschiedenen Seiten herum, nur um festzustellen, dass manche Leute wirklich merkwürdige Ideen haben, wie man Bücher zu lesen hat, um darüber schreiben zu können. Ja, einem Reich-Ranicki hat es vielleicht gereicht, nicht ein komplettes Buch zu lesen, um es rezensieren zu können, aber man sollte zugeben, er hat sich auch nicht mit wissenschaftlichen oder populärwissenschaftlichen Texten beschäftigt. Nun haben wir da also ein Buch (dazu in einem anderen Artikel mehr), der sich wie eine wissenschaftliche Arbeit liest, nur einen sehr populärwissenschaftlichen Titel trägt und ein entsprechendes Vorwort. Danach folgt, wie man es kennt: Einleitung, theoretische Grundlagen, Abwiegen von Für und Wider um auf leisen Sohlen zum eigentlich eigenen Standpunkt zu kommen und den in allen Punkten zu beleuchten.

Ein Rezensent eines solchen Buches sollte sich vielleicht nicht hinstellen, ein bischen am Anfang, in der Mitte und am Schluß blättern und dann behaupten, eine fundierte Meinung von sich geben zu können. Leider tun es manche doch und nun warte ich gespannt auf einen Aufschrei der Empörung. Aber als Beispiel (und oben steht ein wirklich, wirklich kurzer Text):  „Gerade treibe ich da also ein Buch und den in allen Punkten.“

Aus einem Marmeladenglas Literatur machen

James Wood ist Literaturkritiker und schreibt worüber? Die Kunst des Erzählens. Ja. Also, was man so verwendet hat und verwendet, um seine Figuren durch die Buchseiten tanzen zu lassen, ohne das der Leser die Hand des Autors mitbekommt. Oder gerade wie der Leser den Autor spürt, warum manche Kniffe bei einigen Autoren funktionieren und die gleichen Stilmittel bei anderen ganz schrecklich klingen. Wobei Wood zum Schluß des Buches insbesondere auf die Musikalität von Sprache eingeht. Das einige Autoren Ihre Texte laut lesen, um ihre Qualität zu prüfen. Warum schreibe ich das hier eigentlich? Weil das Buch auch für Leser interessant ist, für Leute, die nicht die Bohne daran interessiert sind, Literatur zu studieren, aber sich manchmal doch fragen, warum etwas beim lesen funktioniert oder nicht. Und das jeder Autor vor dem Problem steht, immer an der Grenze zur Konventionalität schreiben zu müssen, um originell zu sein, aber den Leser nicht zu überfordern. Also aus Marmeladengläsern Literatur machen.

Neulich hatte ich eine Diskussion, die manchen Gedanken, die im Buch vorgestellt werden ganz ähnlich war: Neue Musik klingt häufig scheiße. Selbst, wenn man sich wirklich dafür begeistern kann, geht es mir zumindest so, dass Effekte vielleicht ein oder zweimal funktionieren, aber dann nie wieder. Neue Musik will abseits des konventionellen sein, fällt aber schneller in Konventionen zurück und altbackenes das haben duzend andere genauso gemacht, als tatsächlich Teile gefälliger Popmusik. Warum ist das so, das selbst Techno zum Teil innovativer klingt, als Geräuschkulissen, die von hämmernden Schlägeln auf Streichinstrumenten stammen (an dieser Stelle viel Spaß beim youtuben. Die armen Instrumente). Wenn man die Kunst beherrscht aus etwas banalem einen überraschenden Effekt zu kreieren, hat man gewonnen. Siehe Marmeladengläser. Das gleiche trifft meiner Meinung nach auch auf Literatur zu.

Die Diskussion sei eröffnet.

signifikante Überschrift bitte einfügen: Hier

Hans Peter Roentgen schreibt. Und lektoriert. Und kennt sich aus. Mit diesen drei Sätzen angefangen liest sich Schreiben ist nichts für Feiglinge: Buchmarkt für Anfänger schonmal angenehm leicht, weil man zumindest für die Dauer des Buches die Verantwortung an der Titelseite abgeben kann und sich zu einer vergnüglichen Reise in die Welt ambitionierter Jungautoren macht. Was man eigentlich macht beim schreiben, wo man es lernen kann. Bislang war mir der Unterschied zwischen der US-amerikanischen und der deutschen Schreibkultur (im professionell lernenendem Sinn) auch noch nicht so geläufig. Jetzt hat Roentgen neben allem nützlichen, was in diesem Buch steht noch eine kleine weitere Ausrede für die, die mit ihrer literarischen Idee schwanger gehen, aber trotzdem nichts anständiges aufs Papier bringen mit auf den Weg gegeben: Wir konnten es doch gar nicht so gut wie die anderen lernen. Nun, inzwischen kann man wohl. Davon abgesehen bietet der Band einen ersten Blick hinter die Kulissen. Worte wie Lektorat und Vertrag im Zusammenhang mit dem Verlagswesen werden ebenso vermittelt, wie Interviews mit „Betroffenen“ also Schriftstellern. Nach der Lektüre schaue ich auf mein Bücherregal mit anderen Augen und habe mir zum Beispiel geschworen, mehr Hardcover zu kaufen, wenn mir der Titel wirklich gefällt, denn davon bekommen Autoren gemeinhin mehr Prozente. Oder doch den Selbstverlegern beim großen Onlinehandel mit dem orangefarbenen Buchstaben eine größere Chance einzuräumen, nicht nur, weil einige davon später „richtige“ Verträge bekamen.