Werbung wozu…zwei Monate Konzerte und Ausstellungen

Dieser Eintrag ist längst überfällig, behandelt er doch Ausstellungen und anderes, die inzwischen (ich kann mich irren) wahrscheinlich längst nicht mehr laufen. Aber wann hat man schon Muße zeitnah über das zu schreiben, was einige Zeit Nachdenkens erfordert?

Die berliner Kultursituation ist wahrscheinlich die absurdeste,die es in Europa gibt. Vielleicht liegt es an der Mischung alteingesessener Strukturen des ehemals Westerbliner-Beamten-und-lebenslang-Angestellten-zu-Lasten der-Bundesregierung-Apparats (man macht sich keine Platte, die Leute strömen eben oder nicht, bezahlt wird es eh, denn das Geld fließt aus den Schwesterländern im goldenen Westen), dem Ostberliner-lebenslang-angestellten-die-Partei-hat-immer-recht-Denken (die Leute strömen, denn es gibt nichts anderes, außerdem sind die Karten billig, weil staatsgefördert) oder dem neuhippen-Zugezogenen-wir-haben-das-Recht-zum Geil-sein-Gehabe (Werbung wozu, ist doch retro, außerdem zahlt die Stadt, denn wir haben ein Recht darauf und außerdem ein Ipad). Fast alles interessante in den Monaten sagen wir Januar bis März war unglaublich schlecht beworben. Ich habe mir sagen lassen mit den berühmten einleitenden Worten „also in anderen Städten…“ (aber recht hat man, das kann man nicht bestreiten); also in anderen Städten dieses Kontinents wäre es selbstverständlich, dass Veranstaltungen mit aussichtsreichem Programm oder Besetzung oder was auch immer einen qualitativ reizen mag, gut und demonstrativ beworben würden. Nein, in Berlin ist das nicht der Fall. Wer nicht gerade ein fleißiger Tagesspiegelleser ist (dessen Rezensionen seit Jahren zusammengekürzt werden: Werte Lektoren, langsam fällt das echt auf!) ist, der ist arm dran, denn die meisten Webpräsenzen sind schlecht und unübersichtlich, plakatiert wird vielleicht mal das eine, aber dafür fallen 10 andere weg. Woher also soll man wissen, als kulturinteressierter Bewohner, was man verpasst und was es gibt? Und da fragt man sich, warum die Opernhäuser und Museen über zu wenig Publikumsverkehr klagen….genug der Einleitung. Kommen wir zu dem, was so toll war und was man definitiv hätte besser bewerben müssen, denn es war einfach nur großartig:

1: Das Jahr begann mit der Idee verschiedene Ausstellungen zu besuchen, die sich vielleicht lohnen würden. Da gab es zum Beispiel diese Doppelausstellung im a Pergamonmuseum und dem Museum für Photographie (für Interessierte: Im Haus der Newtonfoundation) zu den Ausgrabungen von Oppenheim am Tell-Halaf . Während man sich in der gut beworbenen Ausstellung im Pergamonmuseum die Beine in den Bauch stehen konnte, um einen exklusiven Blick auf die großartigen Exponate zu werfen, war man in der begleitenenden Ausstellung im Photomuseum (Schwerpuntk Ausgrabung, Leben und Gesellschaft drumherum) allein mit ungewaschenen Herren, die eigentlich in die ständige Newtonausstellung wollten. Dabei lohnte es sich, beide Ausstellungen zu besuchen, schon allein, um die Exponate im den grabungstechnischen Kontext zu begreifen. Zugegeben, Oppenheim war ein Selbstdarsteller, aber seine Leistung, diese Grabung durchzuführen, die Funde gut zu dokumentieren in der allgemeinen Orientbegeisterung der Jahrhundertwende ein Museum auf die Beine zu stellen bleibt ungebrochen. Die Exponate im Pergamonmuseum sprechen für sich, der Stand der Zerstörung im zweiten Weltkrieg läßt einen noch 66 Jahre später die Zähne knirschen und den Wahnsinn der NS-Zeit verfluchen, man kann froh sein, dass es noch dieses Museum in Syrien gibt, dort steht die andere Hälfte der Funde-unversehrt. Interessant aber wird es noch mehr, wenn sich in der Photoausstellung nachvollziehen kann, unter welchen Bedingungen die Funde geborgen wurden, in welchem Zeitgeist die Forschung gehalten wurde (völlig ohne Zusammen hang: UND in welch ordentlichem Zustand die Protokollbücher waren. Heutige Wissenschaftler könnten sich massenweise Scheiben abschneiden). Zwei sehenswerte Ausstellungen, leider nur zu 50% gewürdigt. Viellleicht liegt es auch daran, dass das Haus der Newtonfoundation am Zoo liegt, es draußen nach menschlichen Aussscheidungen riecht und drinnen von dem letzen Abschaum an Museumsmitarbeitern wimmelt. Man fragt sich…aber es muss den Typus „festangestellter Wilmersdorfer ohne Kinderstube“ geben.

2. „Berlins vergessene Mitte“. WOW. Die großartigste Ausstellung neben der Germania über die Berliner Stadtentwicklung seit Jahren und nirgendwo wird sie beworben? Kann nicht sein, aber so ist es. Dafür hängt Werbung für irgendein Massenevent, yeah Nachtijall….
Ich habe zwei Anläufe benötigt, um die Ausstellug zu bewältigen, weil man ständig zwischen Karten, Luftaufnahmen, Photographien und Zeitdokumenten hin und her rennt, um sich einen Überblick zu verschaffen. Wer hätte geahnt, dass diese Stadt mal eine Metropole mit sagen wir: einheimischem Grosstadtflair war? Wie konnte man besser die Verbrechen in Ostberlin beim (späten) Wiederaufbau des Stadtzentrums dokumentieren? Leider gibt der Katalog nicht so viel her, als dass man ihn nach Hause nehmen möchte, Photos von Photos darf man nicht machen, aber man hat relativ gesehen seine Ruhe. Nicht mal am vorletzten Wochenende ist wirklich viel los in der Ausstellung, schade eigentlich, denn die hat sich mehr als gelohnt, schließlich läuft man nun mit völlig anderen Augen durch die Stadt. Die Ausstellung schließt mit dem Ausblick auf die Neugestaltung des Stadtzentrums…man kann fast von Glück sagen, dass Berlin so pleite ist, dass sich auch der durchgewunkene Entwurf nicht wird realisieren lassen.

3. Jemand hatte zum Glück die FAZ-gelesen und mich angerufen und wir haben schell genug geschaltetet, um noch Karten zu bekommen…so begab es sich, dass wir gerade noch so in eine beeindruckende Aufführung von Tommaso Traettas „Antigona“ gingen. Bejun Mehta ist als einer der Countertenore der „neuen Generation“ in einer Technik versiert, die es ihm erlaubt, scheinbar mühelos in den höchsten Tönen zu singen und trotzdem dabei männlich und natürlich zu wirken. Sein Spiel mag vielleicht ein wenig steiff sein, aber wer stört sich daran, wenn er hören kann? Zum Vergnügen des Zuhörers waren auch alle anderen Rollen glänznend insbesondere Kurt Streit als stimmgewaltiger Kreon. Und weil man gerade so gut eingestimmt war auf gute Musik, musste es ein paar Tage später wieder in die Staatsoper gehen, diesmal zu René Jacobs Aufführung von Aci, Galatea e Polifemo von Händel. schade, dass diesmal niemand von den Zeitungen anwesennd zu sein schien, die Stunden, die man von einer Welle von Klang in den Sessel gedrückt wurde verflogen so schnell, dass man sich am Schluß verdutzt fragte: vorbei?- Was für ein Abend! Und dann kommt man einige Tage später auf die Idee, auch noch zu Andreas Scholl zu gehen…was soll man sagen: Das Kulturradio hat recht.
Also: so viele grandiose Konzerte innerhalb weniger Tage. Man rate, was beworben wurde? richtig, Andreas Scholl. Nicht ungerechtfertigt, doch schade gegenüber den anderen Aufführungen, die sicher mehr Aufmerksamkeit verdient hätten.

4 Gedanken zu „Werbung wozu…zwei Monate Konzerte und Ausstellungen

  1. Ja, es ist schon eine Schande. Die Berlin-Ausstellung wurde aber ziemlich ausführlich im Tagesspiegel besprochen, das muß man ihnen lassen. Aber von Plakaten keine Spur und natürlich schon gar nicht für Oper. Das müßte man mal den Wienern erzählen. Und da, wo anderswo auf der Welt Werbung für Ausstellungen prangt, nämlich zum Beispiel auf öffentlichen Verkehrsmitteln, klebt hier Werbung für Hämorrhoidensalbe (ach nein, „Hämorriden“, zu viel Griechisch ist gar nicht gesund). Und die Plakate für den Scholl waren spärlich gesät, winzig klein und häßlich und nur auf U-Bahn-Höfen. Aber man will ja nicht undankbar sein. Ich hab auch noch keine Werbung für die große Feininger-Ausstellung in der Nationalgalerie gesehen, geschweige denn für ein paar kleinere, die ich mir gerne noch angucken würde (ich hoffe, der Zaunpfahl wird bemerkt). Dabei suche ich schon gezielt, zufällig kann man sowas überhaupt nicht entdecken. Um nochmal ein Beispiel aus Wien zu bemühen: Da ist schon der Ankunftsbereich am Flughafen regelrecht zugepflastert mit mit großformatigen Austellungs- und Konzertankündigungen. Kann man während man auf seinen Koffer wartet gleich die Urlaubsplanung umwerfen. Naja, genug geschimpft, aber man ärgert sich eben immer und immer wieder, wenn man in der Frühkritik im Radio hört, was man gestern schon wieder verpaßt hat.

  2. Liebes me,
    ich hatte irgendwie vergessen, dass Busse ect. ja auch Werbung tragen. Völlig Recht hast Du, in anderen Städten ist das anders. Ein Bekannter zum Beispiel schwärmt immernoch von Boston, wo die Busse mit Jobwerbungen vo MIT rumfahren. Hier dagegen…aber was soll man mehr Worte verlieren. Das dumme an dieser ganzen werbungskiste: Irgendjemand muss es ja auch bezahlen, Werbung ist nicht so ganz preiswert, wenn es um prominente Stellen geht und zum Unglück scheinen die einzigen Firmen, die genug Pinkepinke mitbringen diejenigen zu sein, die mit Alltagsgeschichten handeln. Autos, Parföng, Weweehchensalbe.

    Nicht dass Konzerte gar nicht beworben werden, aber die großen Werbeverträge werden von Massenchören mit Massenorchestern und irgendwelchen Touristenunternehmen abgeschlossen (ich sage nur Carmina Burana und Beethovens 9te in einem Konzert vom Chor und Orchester aus der slawisch angehauchten Provinz)

    Der Zaunpfahl ist im übrigen angekommen und auf Dauerwinkstellung.

  3. Das ist natürlich wahr, Werbung ist teuer. Andererseits ist es auch teuer (und im übrigen auch peinlich), hochrangige Leute für teures Geld nach Berlin zu holen und sie dann vor halbleerem Haus auftreten zu lassen. Da muß man sich hinterher wirklich nicht wundern, wenn die beim nächsten Mal lieber woanders hingehen, wo man sie auch schätzt. Man nehme nur die Aci, Galatea usw.-Aufführung, von der Du schreibst: René Jacobs, Vivica Genaux, Sunhae Im, Marcos Fink und bestenfalls zwei Drittel der Karten verkauft. Im Schillertheater, wo es von vornherein nicht so wahnsinnig viele Plätze gibt. Sowas darf doch nicht passieren. Und das Argument, vielleicht gebe es in Berlin eben kein Publikum für solche Sachen, ist auch schwach. Sein Publikum kann man sich auch erziehen. Oder eben nicht.
    Und außerdem würden Plakate auch Touristen anziehen, die nicht unbedingt die Zitty gelesen haben.

  4. Natürlich und ohne Frage. Und letztlich schaffen es ja auch kleinere Vereine (sagen wir, die BSA) zum Teil über die BVG zu plakatieren, das kann man strategisch setzen und schon hat man das Gefühl, die halbe Stadt sei vollgepflastert.

    Man fragt sich echt, was die entsprechenden Häuser für Leute in ihren Werbeabteilungen haben…

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