bloß kein Mainstream!

Gerade habe ich zwei Bücher gelesen, die einander so ähnlich im Stil waren, dass ich sie immer aufs neue miteinander verwechselte. Um nicht zu sagen: Wolfgang Herrndorfs „Tschick“ hätte auch gut ein Teil von J.K. Rowlings „plötzlicher Todesfall“ sein können. Beide sind in gewisser Hinsicht coming of Age Romane, nur dass man eine Weile und vielleicht ein wenig Einfühlungsvermögen bei Rowling benötigt, um dahinter zu kommen, wer eigentlich die Hauptfigur des Romans ist, während dessen es bei Tschick klar ist. Beide sind in ihrer Sprache ähnlich geschrieben, verwenden Alltagssprache, Szenenbeschreibungen, die auf die Berlin-Brandenburgische Pampa ebenso gut zutreffen, wie auf eine mittelenglische Kleinstadt (ja, auch jetzt noch tragen Leute der Unterschicht ständig Trainingsanzüge. so what?). Warum also überschlagen sich in Deutschland die Kritiken damit, Rowlings Roman vollkommen zu verreißen und Herrndorfs Roman als Avantgarde zu bezeichnen? Liegt es daran, dass die Britin eben Britin ist (und keine Deutsche) und man ihr nicht abnimmt, nach ihrer millionenschweren Kinderbuchreihe (die zum Schluß doch erstaunlich erwachsen daher kommt) immernoch ein Buch zu verfassen, das zeigt, dass sie ihre eigene Vergangenheit aus dem unteren Mittelstand nicht vergessen hat, während der andere doch immerhin dank Krebs und Selbstmord und deutschem empfindsamen Mannsein einen gewissen Authentizitätsstempel tragen durfte? Mir haben beide Bücher immens gefallen. Die Dekonstruktion der englischen Kleinstadtidylle, die unglaublich gut getroffene Sprache und Charakteristik englischer pubertierender und erwachsener Figuren kann nur der nicht ernst nehmen, der aus einem behüteten deutschen Kleinstadtvorort kommt, in dem es keinerlei Probleme gibt und der sich NIE IM LEBEN freiwillig in den hasserfüllten Kleinkrieg von Vereinen und ja auch Gemeinderäten wiederfinden wird. Glückliche Elfenbeinturmidylle. Wie scheinheilig ist es dann, genau das, was an Rowlings Buch so kritisiert wird, Herrndorf als positives Alleinstellungsmerkmal anzudichten? Wie widerwärtig beschränkt müssen diejenigen sein, die hierzulande sich erdreißten können, Bücher so zu rezensieren? Muss man als Autor erst todkrank oder ein vollkommenes Arschloch sein, um ernstgenommen zu werden? Ich kann jedem nur beide Bücher empfehlen und all den großkotzigen Buchkritikern nur tausend-Seiten-Romane im Stile der Autobiographie schlechter Pingpongprofis an den Hals wünschen.

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