Verpackung und Inhalt

Ich lehne mich mal weit aus dem Fenster indem ich folgendes nicht mit spitzen Fingern man fasse und naserümpfend von mir weg halte: Warum sollte jemand die Hebammenbücher lesen? Sind das nicht die typischen Mittelalterromane für Frauen? Fünf Bände, die eine Kräuterfrau auf dem Weg ins und durchs Erwachsenenalter begleitet (13-Mitte vierzig). Eine Hauptperson und ein paar wichtige Nebenfiguren, die nichts unversucht lassen, sich gegenseitig das Leben zu verkürzen. Irgendwann fragt man sich schon, wie wahrscheinlich das eigentlich sein soll, dass die Charaktere die ganzen Misshandlungen, Verletzungen, Krankheiten überhaupt überleben. Außerdem unverzichtbar: Ein furchtbar kitschiges Cover und wie abzählbar alle paar Kapitel überflüssig intensiv geschriebene Liebesszenen. Ganz davon abgesehen gibt es einiges, das einem aufstößt, von Sprache bis Satz (Akkumulation von Frage und Ausrufezeichen) Warum also?

Die Autorin ist eine gründliche autodidaktische Historikerin, nachdem sie zunächst journalistisch tätig war und Lateinamerika- /Sprachwissenschaften studiert hat. Die Hebammenbücher sind in Aufzählung:ziemlich gut recherchiert *, mit gut verständlicher Zeittafel (und später Geschlechterstammbäumen), mit interessanten Nachbemerkungen zu Mittelalterfesten, historischen Fakten sowie Brauchtum und vor allem verdammt gut geschrieben. Das sind Romane, die sich sehr schnell weglesen und wenn man es drauf anlegt, ist man in einer Woche durch und möchte weiterlesen. Zugegeben: Es gibt nicht so viele lateinische Zitate, wie in Eco-Romanen und die Bücher sind nicht halb so volumninös. Sie sind aber nicht weniger unterhaltsam und bringen einem die Geschichte einer bestimmten Epoche nah genug, dass vieles eher hängen bleibt, als nach der Lektüre von Sachbüchern**.

*da die Romane in Freiberg, Weißenfels und Meißen spielen (mit Ausflügen in den nahen Osten) geht es hier also insbesondere um die Geschichte dieser Region im mitteldeutschen Raum.

** Zum Beispiel lese ich seit gut vier Monaten den neuesten Band von Christopher Clark zum ersten Weltkrieg. Um nicht zu sagen, gerade habe ich entnervt aufgegeben und fange wieder von vorne an.

Zusatz: Ich habe gestern gelernt, was es mit dem Cover auf sich hat. Offenbar MUSS das so sein, sagen die entsprechenden Verlage, weil man bei den entsprechenden Gengres einen optischen Wiedererkennungseffekt generieren muss. Trotzdem stöhnt mein ästhetisches Auge…

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