Deutsche-deutsche Trennung

Eigentlich war ich fest davon überzeugt, dass es nach fast 25 Jahren gemeinsamer deutscher Geschichte, immerhin doch inzwischen eine ganze Generation weiter, keinen Unterschied mehr macht, ob man im Osten oder im Westen großgeworden ist. Dass die Unterschiede in Mentalitäten, Wertevorstellungen und so weiter regional bemerkbar sind, im Zweifelsfalls sogar lediglich eine Frage ob man aus dem Dorf, der Kleinstadt oder der Großstadt kommt. Trotzdem saß ich also in dieser Ansammlung von Menschen als Quotenossi und musste mitbekommen, dass der Unterschied aus den Köpfen zumindest in meiner Generation und denen über mir absolut nicht herauszubekommen ist. Ein bunt zusammengewürfelter Haufen intelligenter Menschen versuchte mir klarzumachen, dass Ostdeutsche naiver sind. Uff, das hatte gesessen, denn wer ist schon gern der Naivator in der Gruppe, der, der wieder nichts rafft? Seitdem habe ich ein bischen ins Netz gesehen, kann aber diese Meinung nirgendwo geschrieben sehen. Das kann natürlich daran liegen, dass außer dieser Gruppe Menschen, unter denen ich weilte, das sonst niemandem auffällt. Schließlich haben wir ja diese ostdeutsche Bundeskanzlerin. Liegt aber vielleicht doch ein µ wahrer Gefühle und Wahrnehmung darin so frage ich mich, ob es sich also um ein Tabu handelt. Etwas, über das man nicht spricht, denn man soll ja niemandem was Schlechtes unterstellen.

Wobei wir bei der Auffassung des Wortes „naiv“ wären. Naive Leute, das sind diese Dummen, die davon erst einmal ausgehen, dass ihnen ihr Gegenüber nichts Schlechtes will, dass sie nicht sofort über den Tisch gezogen werden. Dass man nicht jedes Wort auf die Goldwage legen muss, sondern abwartet. Dass man allgemein gesprochen immer vom Guten ausgeht, von der einfachen Lösung, ja, auch vom Schwarz-Weiß-Denken, eben von einfachen Verhältnissen. Dass aber auch die Grauzone, sofern man sie denn bemerkt immer ein bisschen freundlicher und heller ist, als sie auf den ersten Blick erscheint.

Dann frage ich mich aber: Ist es denn so schlecht, naiv genannt zu werden? Ist es denn ein so grenzenlos dummer Ansatz, davon auszugehen, dass man mit dem Gegenüber ohne sich zu verstellen irgendwie schon klarkommen will, dass man sich nicht verstellen muss, um zu erreichen, was man erreichen möchte. Sprich, dass man nicht Schauspieler sein muss, um in der Welt klarzukommen? Das so hochgelobte „positive Denken“ ist das denn nichts anderes, als kalkulierte Naivität: Es wird schon alles gut werden, es muss nicht alles furchtbar komliziert sein, es kann sich ruckeln, es muss nicht alles schief gehen.

Das gesagt, finde ich, ein bisschen mehr Naivität würde der innerdeutschen Welt nicht schaden. Der drum herum auch nicht.

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