Diffuse und fokussierte Lernstrategien, Multitasking und was eigentlich macht kreativ?

Wir haben Mathe gepaukt, Vokabeln bis spät in die Nacht von der einen in die andere Sprache verschoben, biologische Konzepte und Gedichte auswendig gelernt. Bis vor einigen Wochen hätte ich an dieser Stelle noch mit einigem Stolz gesagt, dass ich vor einer meiner Abiprüfungen ganze 6 h gelernt habe und doch sehr gut abgeschnitten habe. Jetzt weiß ich, wie dumm dieser Ansatz war.

In diesem längeren Artikel wird es um Lernstrategien gehen, um das Ausnutzen intrinsischer Rythmen beim lernen und darum, wie man Kreativität „lernen“ kann. Einiges, wie eine gesunde Portion Schlaf, sollte man kennen, aber wer hört schon auf seine Eltern? Anderes ist gerade konträr zu dem, was uns (aproximierend vom Autor natürlich) mitgegeben wurde, dazu aber später.

Im Grunde lernt man immer, auch, wenn man nicht bewusst lernt. Es wechseln sich fokussierte Lernphasen, in denen der prefrontale Cortex angesprochen wird ab mit diffusen Phasen, in denen man sich nicht bewusst mit der zu lernenden Materie auseinandersetzt. Während man in der erstgenannten Phase sich bewusst auf eine Thematik konzentriert, diese in seinem Kurzzeitgedächtnis speichert und bewusst Verknüpfungen zu bereits bekanntem Wissen herstellt um neues und altes zu „chunks“ zusammenzufassen, geht es in der zweitgenannten Phase chaotisch durch die Hirnregionen. Hier passiert der kreative Prozess, denn hier werden Verbindungen zwischen Problemen, Lösungen, Ereignissen und Wissen hergestellt, die vielleicht nur mittelbar etwas miteinander zu tun haben. Dabei spielt Automatismus eine wichtige Rolle. Sind „chunks“ erst einmal soweit integriert, dass sie automatisch abgerufen werden können, können sie eben unterbewusst angesteuert werden, sind sie auch im Langzeitgedächtnis abgespeichert.

Aber wie funktioniert das eigentlich und wie kann man es praktisch so trainieren, dass man einen maximalen Lernerfolg hat? Dazu müssen einige Punkte berücksichtigt werden:

  • Das Kurzzeitgedächtnis ist begrenzt. Nach einigen wissenschaftlichen Veröffentlichungen soll es ein Fassungsvermögen von ungefähr 4 (in älteren Veröffentlichungen 7) Punkten haben, die abgespeichert werden. Dabei kann es sich bereits um chunks oder aber um einzelne Fakten handeln.
  • Beim Lernen neuen Wissens müssen das ist bekannt, neuronale Verbindungen neu geknüpft werden. In der Schule und in einigen Lehrbüchern hieß es, bei Menschen benötigt man ungefähr 21 Wiederholungen, bis eine neuronale Verknüpfung fest ist. Der Prozess, in dem das Gelernte vom Kurzzeitgedächtnis ins Langzeitgedächtnis überführt wird, nennt sich Konsolidierung.
  • Konsolidierung kann Jahre dauern.

Wenn das Kurzzeitgedächtnis nicht unbegrenzt ist, ist klar, dass man es beim Lernen neuen Stoffes nur mit dem behelligen sollte, was gerade notwenig ist, um den Stoff zu begreifen. Das heißt aber auch, das Multitasking tödlich ist, denn zwar ist das Kurzzeitgedächtnis dann zwar voll mit lauter Dingen, die einem gerade im Kopf herumschwirren (und dem Gefühl, weil ausgelastet, total produktiv zu sein), jedoch kommt von dem, was man eigentlich lernen will recht wenig an. Das heißt also dann doch so weit wie es geht, störende Umgebungsparameter (the ding, the buzz, the drrrr…anderer Artikel) abzuschalten, egal, wie schön die kurzzeitige Dopaminantwort darauf ist und sich eben zu konzentrieren. Nur dann funktioniert es nämlich, Lernen auch nachhaltig zu gestalten

Damit komme ich zu dem, was sie uns nicht beigebracht haben. Also sagen wir so: Natürlich haben Lehrer wie Eltern sicher das eine oder andere Mal gesagt, es sei gut, kontinuierlich zu arbeiten, anstatt ich wie oben wenige Stunden vor der Klausur für eine Prüfung zu lernen. Was sie damit meinten, und was ich jetzt erst verstehe, ist, dass wenn man sich täglich konzentriert mit einem Problem oder einer Thematik für EINE BEGRENZTE ZEIT beschäftigt, man es seinem Unterbewusstsein, der diffusen Lernphase überlassen kann, das ganze zu sortieren, zu integrieren und zu straffen. Dabei kommt dem Schlaf eine wichtige Bedeutung zu, denn neben allem diffusen, was vor sich geht, schrumpfen im Schlaf die Hirnzellen, was es möglich macht, toxische Abbauprodukte abzutransportieren. Also wird klares Denken durch Schlaf überhaupt erst möglich. Das hätte uns mal einer sagen sollen. Des weiteren kreeirt das Beschäftigen über einen längeren Zeitraum für eine jeweils begrenzte Zeit eine Umgebung der „spaced repetition„, bei der die neuronalen Wege wie oben geschrieben wiederholt fokussiert abgelaufen werden, um später diffus als wichtig eingestuft zu werden.

In der Schule haben sicher die wenigsten die Bedeutung von Leistungskontrollen begriffen, aber auch diese sind in gewisser Hinsicht eine gute Methode, um zu lernen. Es ist inzwischen erwiesen, dass Tests auf das gelernte wesentlich effektiver beim Lernen sind, als texte einfach noch einmal zu lesen. Dabei kommt es nicht darauf an, ob die Tests für sich selbst gemacht werden oder in der Gruppe oder der Klasse passieren, obwohl ein zwangloses testen im Rahmen einer Studiengruppe immernoch für die meisten einfacher sein dürfte, als in einer Stressituation vor der Klasse. Interessanterweise können auch gerade solche Tests, Herausforderungen beim Lernen sehr helfen. Das heißt auch, eben mit seinem Wissen schnell in die praktische Anwendung zu gehen*.

Zu guter Letzt was macht also kreativ: fokussierte Praxis und lernen in kleinen Schritten, Zeit zum integrieren lassen. Nicht einfach in einer Zeit, in der wir alle sofort perfekt sein sollen.

*In einem Videoblog hieß es zum entlosen theoretisieren oder Anwendung „mental masturbation“, denn man ist ja immer auf der sicheren Seite und kann sich wohlfühlen, so lange man sich nicht mit der Praxis etwas gelerntem auseinanderzusetzen. Fragt sich natürlich, wozu man es dann lernt.

** Dieser Artikel bezieht sich auf Material, dass im Coursera Kurs: learning how to learn vorgestellt wird. Empfehlenswert!

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