Hurtigruten: Honningsvag-Trondheim



Klingt erstmal gut: Oben genannte Strecke, immer an den Fjorden entlang, drei Tage schaukeln, entspannen und sich gepflegter Langeweile hingeben, denn a) hat man keine Bücher eingepackt, denn die Packsäcke waren irgendwie schon voll und b) auch keine Literatur auf den Rechner gezogen, denn das hat man irgendwie verpeilt. Sounds nice? Nunja. Zum ersten: Hurtigruten fahren ist toll, denn auch wenn man einfach so um 6.30 in Honningsvag auf das Schiff geht und sagt, man würde gern mit den Fahrrädern aufs Schiff und bis Trondheim fahren, aber eigentlich keine Kabine, ist das erstmal kein Problem. Der große Unterschied zur Kabine ist nur, dass man eine Tür hätte, die man hinter sich zumachen könnte, schlafen kann man zum Glück, wo Platz ist. Im Zweifelsfall, dort, wo auch die anderen übernachten, die so fahren wie wir: Auf dem Panoramadeck oder sonst überall, wo es Sofas gibt. Und da man Duschen, Bar, Sauna, Pool und Fitnessraum zur freien Verfügung hat, es Waschmaschinen und Trockner gibt glaubt man sich schon fast am Ziel seiner Wünsche, weil man inzwischen auch die Bibliothek entdeckt hat…da kommen SIE. Busladungen von Touristen älterer Generation (was ja erstmal nichts heißen muss), die jeweils eine Nacht an Bord sind, alle Plätze einnehmen und zu schnattern anfangen. AAAAAAAAaaaaaaargh! Wo sind wir hingeraten? Ein Geriatriedampfer! Ein schwimmendes Gefängnis in dem wir mit Geschichten über die letzte OP und dem Gezankeüber Sitzplätze und Gruppenzugehörigkeiten gequält werden. Es gibt kein Entrinnen und weil ja alte Leute zu seniler Bettflucht neigen, ist es auch nachts voll und laut. Zum Glück schließen alle Bars ab 1.00, dann wird im Zimmer weitergetratscht und man kann sich endlich dem einen von zwei Büchern widmen, dass in der Bordbibliothek keine spontanen Schreie ausgelöst hat: The Ice: A journey to Antarctica. Nicht uninteressant und durchaus hilfreich für unseren späteren Aufenthalt in Oslo, namentlich in den diversen Schifffahrtmuseen.

Zum zweiten: Hurtigruten fahren ist trotzdem nur wirklich spannend, wenn man (neben guter Literatur) über Karten der Region verfügt und mit dem Finger auf der Landkarte die einzelnen Fjorde versucht zu raten, durch die man gerade fährt. Haben einige Leute gemacht während ich des öfteren relativ ratlos über die Reling schaute, nur um festzustellen, dass wir offensichtlich zwar weiter sind, als noch vor zwei Stunden, ich aber leider keine Ahnung habe, wo genau. Einen kleinen Hinweis findet man immerhin auf den Routenübersichtskarten nebst den erwarteten Ankunftszeiten in den einzelnen Häfen. Siehe oben haben sich ja die Hurtigruten zu einer Form von Kreuzfahrtunternehmen entwickelt (alles mit Vor und Nachteilen…) daher kommen ab und zu Durchsagen, die einem sagen, woran man gerade vorbeifährt. Aber:

Zum dritten: Hurtigruten macht eigentlich auch nur bei gutem Wetter Spaß, denn dann sitzt man draußen und schaut sich die Natur ohne Fenster an. Wir hatten (sicher der Geographie geschuldet, schließlich ist es die Westküste Norwegens….aber man kann ja träumen) häufig penetranten Nieselregen, was das draußensitzen eher ausschloss. Man sitzt dann eben drinnen und liest .

Zum vierten: Hurtigruten haben Internet. Ha. Das ich nicht lache. Also sie haben da diese Satellitenverbindung, die natürlich in jedem Hafen abbricht (wegen der Berge) und überhaupt, wenn man in Landnähe ist (wegen der Berge) und auch auf dem offenen Wasser bei Wolken. Also: Hurtigruten haben kein Internet. Im Zweifelsfall funktioniert das Handy wesentlich besser, als sämtliches sonstiges Netz, also das nächste Mal keinen gedanken und kein Geld in das hauseigene Netz dort stecken, es lohnt sich nicht.

Nach drei Tagen kommen wir schließlich in Trondheim an und haben noch für einige Stunden dieses Schaukelgefühl, wenn wir stehenbleiben. Aber immerhin: entspannt, ausgeruht und wirklich viel von der Landschaft mitbekommen, ohne auch nur einen Finger zu krümmen. Außerdem weiß ich jetzt einiges mehr über die verschiedenen Eisformationen, die Expeditionsreisen zu, die Geographie und die Geopolitik der Antarktis.

5 Gedanken zu „Hurtigruten: Honningsvag-Trondheim

  1. Ja, ja, ein Schifffahrt, die ist lustig, eine Schifffahrt, die ist toll usw. 🙂

    Wenn man den Namen Hurtigrute hört, schwingt da ja so ein bisschen wilde Romantik mit … so auf einem Postschiff zum Nordkap und wieder zurück. Offensichtlich sind diese Zeiten vorbei.

    Und bei Bootstouren scheint es aber immer wieder die gleichen Probleme zu geben: Ich kann mich da letztes Jahr an eine Segeltour übers Mittelmeer erinnern, wo wir auch nie wussten, wo wir sind (wir wussten ja nicht mal, wohin es geht ;-)). Internet hatten wir auch keines. Und das Schwanken hat man gratis (schwankend durch Rom zu gehen ist schon sehr witzig). Und lass Dir mal erzählen, wie so eine Fährfahrt von Athen nach Rhodos ist 🙂

    Freu mich schon auf die (weiteren) Fotos,

    Chris

  2. Hm … von Athen nach Rhodos … ja äußerst unschön auf kalten Plastikbänken mit offenen Fenstern, Durchzug und einem total nassen Boden (weil irgendwelche Idioten ja duschen mussten und Türen irgendwie out sind und sich das Wasser somit im Laufe der Fahrt auf dem GESAMTEN Deck verbreitete … tststs … Steckdosen gab es zwar, aber die funktionierten nicht, so dass ich mit dem Akku nur ne Stunde den Rechner nutzen konnte. Von Netz gar nicht erst zu reden … 10€ die Stunde oder so. O welche Zeit … naja, Schlaf ist bekanntlich überbewertet und ich hatte wenigstens ordentliche Literatur von Terry Pratchet dabei. Sonst wäre ich wohl bei halber Strecke von Bord gesprungen 🙂

  3. Bin auch schonmal auf der Hurtigruten gereist, allerdings individuell und nur in Teilabschnitten. Fand das sehr inspirierend und das obwohl wir auch eher schlechtes Wetter hatten. Muss allerdings zugeben, dass ich mit Literatur und Kartenmaterial bestens versorgt war und mich so also nie der Langeweile hingeben musste. Habe gehört, dass die hurtigruten auch Expeditionsfahrten von Grönland bis in die Antarktis anbieten. Zwar zum Preis eines Kleinwagens, aber das wäre wirklich auch mal was, worauf ich sparen würde… mal sehen.

  4. Hallo Entdecker,
    sicher wäre es besser gewesen, die Hurtigruten in mehreren Teilabschnitten zu machen, aber dafür blieb uns leider einfach keine Zeit. Und es macht eine Menge aus, wenn man die tagestouren der Hurtigrouten mitnehmen würde aber das wiederum würde auch nur gehen, wenn man über die entsprechenden dinanziellen Mittel verfügt. Summa summarum haben wir ja diesen Teil derStrecken vornehmlich deswegen so gewählt, um a) relativ schnell Richtung Süden zu kommen, ohne de Flieger nehmen zu müssen zumal es mit den Bahnverbindungen in Norwegen ja erst ab Narvik wieder losgeht und b) um ein bischen die müden Knochen auszuspannen. Das wiederum hat ziemlich gut funktioniert und: Wenn man schonmal in Norwegen ist, sollte man definitiv eine Strecke mit den Hurtigrouten einplanen weil man einen völlig anderen Blick auf das Land gewinnt. Aber drei tage am Stück mit einem Haufen schnatternder Rentner drei Zentimeter neben Dir? Mmmmh nee, eher nicht nochmal. Sonst kann ich Dir aber nur Recht geben und bestäube mein haupt mit Asche und Asche, das nächste Mal an Karten und Literatur zu denken 😉

    Die Touren nach Grönland sind wirklich ziemlich spannend…aber in die Antarktis werden sie wohl nicht fahren…ein bischen zu weit südlich denke ich 😉

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