Streiks, die keiner braucht?

Gibt es Streiks, die niemanden etwas jucken? Als die Bahn wieder streikte und wieder streikte und wieder streikte stieg auch die Unzufriedenheit und die Agressivität selbst bei Menschen, die davon nicht direkt betroffen waren, denn schließlich wurde es noch voller auf den Straßen. Die Bahn streikt also und es tut so richtig weh. Als die Kitas streikten gab es zwar lustige kurzfristige innerbetriebliche Lösungen, nach einigen Tagen aber machte sich auch hier Genervtheit breit, schließlich wollen Eltern ja eine Kinderbetreuung, die sie arbeiten läßt. Dann streiken immernoch einige Geldtransportunternehmen. Fällt das auf? Ja, denn inzwischen ist es selbstverständich, sich sein Geld an Automaten zu ziehen und nicht am Schalter zu holen. Keine Transporter, keine funktionierenden Automaten.

Vor einiger Zeit streikten andernorts alle prekär Beschäftigten verschiedener Musikhochschulen. Es gab ein Presseecho, aber juckt das die allgemeine Bevölkerung? Desgleichen streikten die Angestellten der Musikschulen und hat es jemanden interessiert? Kaum, denn Kunst darf es in Deutschland nur zu möglichst billigen Preisen geben, Musiker werden trotz der harten und jahrzehntelangen Ausbildung unverschämt stiefmütterlich behandelt. Kunst und Kultur interessiert keinen, obwohl klar ist, dass musisch geförderte Kinder sich besser konzentrieren, besser sozialisiert werden und allgemein einen besseren Start bekommen. Das dumme: der Effekt ist nicht unmittelbar und gerade Jugendliche sind den meisten Erwachsenen doch total egal. Kultur ist egal. Und das, obwohl sie jeder, selbst der letzte chipsfressende Fernsehjunkie konsumiert.

Wie aber sieht es mit den „wichtigen“ Wissenschaften aus? Vor einiger Zeit hatte ich eine Diskussion mit einigen Forschern aus dem bereich der Medizin. Da machen sie also seit Jahren Fortschritte in der Erforschung molekulargenetisch bedingter Krankheiten, entwickeln neue Therapien und Medikamente und sind mit einem Wort: essentiell. Und auch das entsteht alles in prekären Arbeitsverhältnissen. Nebenbei wird noch Lehre und Studentenbetreuung an den Universitäten durchgeführt (wie bei den Musikern gerne ohne dafür bezahlt zu werden) und das Wissenschaftszeitgesetz hängt über allen wie ein Damoklesschwert. Ihre Arbeit ist vielleicht nicht unmittelbar umsetzbar, denn ein langer Weg trennt Gundlagenforschung von der Klinik, trotzdem aber wichtig und auch jedem vermittelbar, denn welcher Kettenraucher will schon an Lungenkrebs verrecken, wenn er nicht muss?

Fragte ich aber meine Bekannten, war die einhellige Meinung: Würden wir streiken, dann interessiert es niemanden. Wahrscheinlich nicht einmal die eigenen Institute, denn nur zu bereitwillig übernehmen gut ausgebildete Pipettiertierchen aus anderen Kontinenten die Aufgaben. Es ist niederschmetternd, so etwas zu hören, denn das läßt den gleichen Schluß zu, wie bei der Kultur: Wissenschaft ist egal. Wenn Wissenschaft egal ist, warum wollen dann aber so viele dort arbeiten? Warum ist dann der Kindertraum vieler so etwas wie: Krankheiten heilen, Welt verbessern, Menschen helfen? Dieser Widerspruch ist mir nicht verständlich. Würde es wirklich egal sein, wenn in Deutschland alle Postdocs, alle Doktoranden, alle Master- und Bacchelorstudenten, die in der Forschung arbeiten, streikten?