neue Datenbanken und „Treffen sich zwei Elemente“

Sollte man über Bücher schreiben, in die man erst 30 Seiten vorgestoßen ist? Wie dem auch sei: Sam Keans Buch „Treffen sich zwei Elemente“ ist eine äußerst vergnügliche Reise in die Welt der Chemie. Lauter Anekdoten und kleine Geschichten, Mythen, fabelhaftes und gruseliges gepaart mit Wissenschaft. Leider läßt sich das nicht in einem Ruck verdauen, daher nur kleine Dosen, damit überhaupt was hängenbleibt.

Außerdem neu auf der Seite: Unter Bio-Info findet Ihr als neuen Eintrag die Übersicht aller Datenbanken, die in Nucleic Acid Research vorgestellt werden. Diese Sammlung wird einmal pro Jahr upgedatet, sie scheint also immens brauchbar zu sein.

Anfang-Mitte-Schluß

Gerade treibe ich mich zur Quellenrecherche auf verschiedenen Seiten herum, nur um festzustellen, dass manche Leute wirklich merkwürdige Ideen haben, wie man Bücher zu lesen hat, um darüber schreiben zu können. Ja, einem Reich-Ranicki hat es vielleicht gereicht, nicht ein komplettes Buch zu lesen, um es rezensieren zu können, aber man sollte zugeben, er hat sich auch nicht mit wissenschaftlichen oder populärwissenschaftlichen Texten beschäftigt. Nun haben wir da also ein Buch (dazu in einem anderen Artikel mehr), der sich wie eine wissenschaftliche Arbeit liest, nur einen sehr populärwissenschaftlichen Titel trägt und ein entsprechendes Vorwort. Danach folgt, wie man es kennt: Einleitung, theoretische Grundlagen, Abwiegen von Für und Wider um auf leisen Sohlen zum eigentlich eigenen Standpunkt zu kommen und den in allen Punkten zu beleuchten.

Ein Rezensent eines solchen Buches sollte sich vielleicht nicht hinstellen, ein bischen am Anfang, in der Mitte und am Schluß blättern und dann behaupten, eine fundierte Meinung von sich geben zu können. Leider tun es manche doch und nun warte ich gespannt auf einen Aufschrei der Empörung. Aber als Beispiel (und oben steht ein wirklich, wirklich kurzer Text):  „Gerade treibe ich da also ein Buch und den in allen Punkten.“

signifikante Überschrift bitte einfügen: Hier

Hans Peter Roentgen schreibt. Und lektoriert. Und kennt sich aus. Mit diesen drei Sätzen angefangen liest sich Schreiben ist nichts für Feiglinge: Buchmarkt für Anfänger schonmal angenehm leicht, weil man zumindest für die Dauer des Buches die Verantwortung an der Titelseite abgeben kann und sich zu einer vergnüglichen Reise in die Welt ambitionierter Jungautoren macht. Was man eigentlich macht beim schreiben, wo man es lernen kann. Bislang war mir der Unterschied zwischen der US-amerikanischen und der deutschen Schreibkultur (im professionell lernenendem Sinn) auch noch nicht so geläufig. Jetzt hat Roentgen neben allem nützlichen, was in diesem Buch steht noch eine kleine weitere Ausrede für die, die mit ihrer literarischen Idee schwanger gehen, aber trotzdem nichts anständiges aufs Papier bringen mit auf den Weg gegeben: Wir konnten es doch gar nicht so gut wie die anderen lernen. Nun, inzwischen kann man wohl. Davon abgesehen bietet der Band einen ersten Blick hinter die Kulissen. Worte wie Lektorat und Vertrag im Zusammenhang mit dem Verlagswesen werden ebenso vermittelt, wie Interviews mit „Betroffenen“ also Schriftstellern. Nach der Lektüre schaue ich auf mein Bücherregal mit anderen Augen und habe mir zum Beispiel geschworen, mehr Hardcover zu kaufen, wenn mir der Titel wirklich gefällt, denn davon bekommen Autoren gemeinhin mehr Prozente. Oder doch den Selbstverlegern beim großen Onlinehandel mit dem orangefarbenen Buchstaben eine größere Chance einzuräumen, nicht nur, weil einige davon später „richtige“ Verträge bekamen.

Verpackung und Inhalt

Ich lehne mich mal weit aus dem Fenster indem ich folgendes nicht mit spitzen Fingern man fasse und naserümpfend von mir weg halte: Warum sollte jemand die Hebammenbücher lesen? Sind das nicht die typischen Mittelalterromane für Frauen? Fünf Bände, die eine Kräuterfrau auf dem Weg ins und durchs Erwachsenenalter begleitet (13-Mitte vierzig). Eine Hauptperson und ein paar wichtige Nebenfiguren, die nichts unversucht lassen, sich gegenseitig das Leben zu verkürzen. Irgendwann fragt man sich schon, wie wahrscheinlich das eigentlich sein soll, dass die Charaktere die ganzen Misshandlungen, Verletzungen, Krankheiten überhaupt überleben. Außerdem unverzichtbar: Ein furchtbar kitschiges Cover und wie abzählbar alle paar Kapitel überflüssig intensiv geschriebene Liebesszenen. Ganz davon abgesehen gibt es einiges, das einem aufstößt, von Sprache bis Satz (Akkumulation von Frage und Ausrufezeichen) Warum also?

Die Autorin ist eine gründliche autodidaktische Historikerin, nachdem sie zunächst journalistisch tätig war und Lateinamerika- /Sprachwissenschaften studiert hat. Die Hebammenbücher sind in Aufzählung:ziemlich gut recherchiert *, mit gut verständlicher Zeittafel (und später Geschlechterstammbäumen), mit interessanten Nachbemerkungen zu Mittelalterfesten, historischen Fakten sowie Brauchtum und vor allem verdammt gut geschrieben. Das sind Romane, die sich sehr schnell weglesen und wenn man es drauf anlegt, ist man in einer Woche durch und möchte weiterlesen. Zugegeben: Es gibt nicht so viele lateinische Zitate, wie in Eco-Romanen und die Bücher sind nicht halb so volumninös. Sie sind aber nicht weniger unterhaltsam und bringen einem die Geschichte einer bestimmten Epoche nah genug, dass vieles eher hängen bleibt, als nach der Lektüre von Sachbüchern**.

*da die Romane in Freiberg, Weißenfels und Meißen spielen (mit Ausflügen in den nahen Osten) geht es hier also insbesondere um die Geschichte dieser Region im mitteldeutschen Raum.

** Zum Beispiel lese ich seit gut vier Monaten den neuesten Band von Christopher Clark zum ersten Weltkrieg. Um nicht zu sagen, gerade habe ich entnervt aufgegeben und fange wieder von vorne an.

Zusatz: Ich habe gestern gelernt, was es mit dem Cover auf sich hat. Offenbar MUSS das so sein, sagen die entsprechenden Verlage, weil man bei den entsprechenden Gengres einen optischen Wiedererkennungseffekt generieren muss. Trotzdem stöhnt mein ästhetisches Auge…

Mythen

Natürlich war ich in den letzten Monaten nicht gerade häufig anwesend, jedenfalls nicht hier. Das lag sicher unter anderem daran, dass ich viel zu viele Bücher auf den Ebookreader meiner Wahl gelegt hatte und erst einen Teil der interessanteren Bücher durchhabe…dazu vielleicht auch in den kommenden Einträgen mehr. Aber zurück zur Anwesenheit: War ich in den letzten Monaten nämlich auch wieder häufiger und das beim Sport meiner (derzeitigen) Wahl. Die Stadt bietet ja so viele Möglichkeiten, dass ich phasenweise immermal in die Versuchung komme, etwas anderes auszuprobieren. Derzeit also eine Sportart, bei der man nicht ständig nach Chlor stinkt und auch nicht Gefahr läuft von rechtsabbiegenden LKWs überrollt zu werden (schaut man in den Polizeiticker, scheint das die Todesursache schlechthin hier zu sein), nein nein. Das ich hier wohl was richtig mache, zeigt mir mein Wohlbefinden, aber natürlich schmiert es einem Honig um den Bart des Gewissens, wenn andere das genauso sehen. Zum Beispiel- und da wären wir bei den Büchern, die ich derzeit lese:

Gretchen Reynolds: The First 20 Minutes: Surprising Science Reveals How We Can Exercise Better, Train Smarter, Live Longer
Hinter dem Titel verbirgt sich ein wirklich gut recherchiertes Stückchen Literatur. Die Autorin hat sich sehr intensiv mit so ziemlich allem beschäftigt, was als Mythen des Sports eingegangen ist. Hier mal die Stichworte Training, also Aufwärmen, Dehnen, Trainingsabläufe, Muskelaufbau/Fettabbau, Sporternährung, Bekleidung (naja, also insbesondere Schuhe), Genetik, Epigenetik, Altern. Insbesondere der erste Teil des Buches räumt ziemlich gründlich mit vielem auf, was uns in der Schule über „richtiges Trainieren“ beigebracht wurde, denn sportartabhängig muss man a) nicht ewig lang erwärmen (weil es einen nicht schneller macht und auch nicht besser) b) nicht ewig viel dehnen (insbesondere Läufer nicht, dann verringert sich nämlich die verfügbare Kraft. Man könnte einen Vergleich mit ausgeleierten Federn anstellen). Außerdem sind c) die einzigen Sportgetränke die wirklich funktionieren fettarme Schokomilch und alkoholfreies Bier (mit alkoholhaltigem wurde einfach keine Studie durchgeführt) und d) gibt es weder den idealen Laufschuh, noch die perfekte genetische Ausstattung, die uns zu Supersportlern machen könnte.
Was mich sehr beeindruckt hat, war die genau die anschauliche und wissenschaftlich nachvollziehbare Erklärung für genetische Veranlagung (jedem sein Sport, bzw warum manche Leute gern und manche ungern Sport machen) und die Auswirkungen epigenetischer Veränderungen (Mutterleib und so). Natürlich paart sich auch hier altbekanntes, jede Bewegung ist besser als keine Bewegung. Menschen, die viel stehen (!) leben im Schnitt 1,8 Jahre länger als die, die sitzen. Was mich dazu bringt einen alten Plan zur Anschaffung eines Stehpultes wieder ins Auge zu fassen, dieser Artikel muss leider wegen der niedrigen Tischgröße im sitzen getippt werden.