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Seit Wochen überlege ich, wie man den Musikliebhabern der näheren und entfernteren Umgebung ein neues Konzert schmackhaft machen kann. Dabei fängt man unweigerleich an, über die politische Bedeutung des Stückes zu palavern, die aufbautechnische Ähnlichkeit mit Verdis Requiem herauszustellen und überhaupt zu sagen, neue Musik wird sowieso viel zu wenig gespielt. Nur schade, dass neue Musik so schwierig zu hören ist. Dessaus deutsches Miserere ist zugegebenermaßen nur einfach zugänglich, wenn man die visuelle Performance dazu sieht, Katzers Medea nur, wenn man das Buch von Frau Wolf vorher schon gelesen hat, Lens(s) Akasha chronicals nur, wenn man weiß, dass das Ding mit Bühne gedacht ist und auch  Nystedts missa brevis erschließt sich einem nicht unwillkürlich, sondern erst nach Arbeit AM Stück. Für die Aufführenden ist das eine wundervolle Herausforderung, voll von Sprüngen, unerwarteten Phrasen, ein Krimi auf der Bühne, denn vielleicht gibt es eine Auflösung, vielleicht auch nicht. Vielleicht versagt die eigene Stimme auf der hohen Note, die man aus dem Cluster kaum noch herauszufiltern weiß, vielleicht versinkt alles ein Chaos, aber vielleicht bekommt man seinen Einsatz aus dem Nichts (der Ton wird irgendwo von der kleinen Trommel gegeben, die gegenüber auf der Bühne pianissimo spielt). Nach ein paar Monaten Probenarbeit erahnt man, dass es hinter dem ganzen musikalischen Gebrüll eine Struktur gibt und diese zum Teil schönste Wendungen produziert, würde man sich nur die Zeit nehmen, sich darauf zu konzentrieren. Machen wir uns nichts vor, das meiste an neuer Musik verlangt vom Publikum wie von den Ausführenden Arbeit und irgendwie möchte man dem Don (mal wieder) zustimmen, wenn er  daher neue Musik als Geblubber für die gehobenen Kreise und vor allem zur Absetzung von den unteren charakterisiert. Das ist alles keine leichte Musik, die man nebenbei hören kann und aus der man Ohrwürmer mit in seine Träume nimmt.

Trotzdem: Es wird ein großartiges Konzert. Die Aufführenden werden polnische Geschichte atmen und wenn das Publikum möchte, atmet es mit. Der geübte Hörer neuer Musik wird ein Puzzle zum basteln haben und der ungeübte eine Gruselgeschichte, die einen schon wegen der Wucht der Instrumente und der Chöre mitreißen wird. Es wird eine Arbeit für das Orchester, die Chöre, die fabelhaften Solisten und den Dirigenten, nicht zuletzt auch für das Publikum, aber es lohnt sich, denn es ist ein Stück Zeitgeist. Zerrissen, harmonisch, voll Unsicherheit und Überheblichkeit der Geschichte gegenüber. Am 12.11. ist Aufführung.