Postdoc

Ich bin gerade weit weg, das macht es einfacher, sich alte Artikel noch einmal vorzunehmen und zu edieren. Insbesondere, wenn es um Themen geht, die „zu Hause“ nur hinter vorgehaltener Hand erzählt werden, die eigentlich jeder wissen sollte, aber nicht jeder weiss und selbst wenn: für sich selbst nicht warhaben möchte. Es geht darum, wie auch schon zum Teil in den vorhergehenden Artikeln, um die wissenschaftliche Kultur, Theorie und Praxis, wie sie derzeit in Deutschland gehandhabt werden.

In der Theorie und in den Studienführern, die man sich als fleißiger Student zu Beginn seines Studiums zulegt heißt es: Du weißt noch nichts, aber wir helfen Dir und mach erstmal Deinen Bachelor /Dein Vordiplom /Deine Zwischenprüfung. Dann entsprechend heißt es: Also um ein richtiger Ing/Sci/Phil… zu sein, musst Du schon noch den Master machen, da locken auch die viel cooleren Sachen. Du kannst noch so viel lernen, noch so viel für die Wissenschaft tun, Dich noch so weit entwickeln. Aber mach erstmal Deinen Master/Diplom/Examen. Hat man dann in der Zeit Blut geleckt und nicht schon an diesem Punkt die Fühler in die „echte“ Arbeitswelt ausgestreckt, ködert das Universitätssystem mit „also, wenn Du ein echter… sein willst“ unmerklich weiter auf dem Weg hin in die akademische Wissenschaftskarriere, denn hier findet man meist aus der Uni heraus schonmal einen Job. Doktoranden braucht schließlich insbesondere jedes MINT Fach. Nach der Doktorarbeit findest Du eine gute Stelle als Postdoc, dann vielleicht noch eine und dann machst Du Deine eigene Arbeitsgruppe am Institut Deines Vertrauens auf und kannst Dich in Ruhe darauf vorbereiten, vielleicht eines Tages Professor zu werden

Sicher, das ist die Fiktion. Auch, wenn das von außen betrachtet ein klares Spiel ist, in dem nur der Stärkste gewinnen wird, bildet man sich auf diesem Weg ein, immer eine Chance zu haben, schließlich hat man doch das Richtige studiert und alle (Uni-)Welt hat einem bestätigt, wie wichtig ist, was man tut. Nein, nicht in allen Fächern. Insbesondere in den nichtnaturwissenschaftlichen wird man ziemlich schnell mit der Tatsache vertraut gemacht, als Arbeitstier auf minimalen Verträgen als studentische Hilfskraft (bezahlt oder unbezahlt) oder Doktorand auf einer halben Stelle mit voller Arbeitszeit zu leben. Das ist so, da macht man sich spätestens dann keine Illusion mehr. Es geht allen so und deswegen heißt die Devise, sobald man einmal eine bezahlte Stelle in Besitz genommen hat, diese mit Messer und Zähnen zu verteidigen, selbst wenn man zur selben Graduateschool gehört. Denn irgendwann fängt man an zu realisieren, dass die Leute, mit denen man eben noch im Hörsaal saß und lernte diejenigen sind, mit denen man sich um das Geld für die nächste Förderung streitet. Darüber, darüber dass die Luft oben immer enger wird, der Konkurrenzdruck immer größer ist viel in Artikeln und Forumposts gelesen, die sich mit wissenschaftlichem Prekariat beschäftigen.

Die Folgen der jahrzehntelangen Praxis sind sehr klar zu spüren:

  • Diejenigen der Gesellschaft, die nach dem europäischen Qualifikationsrahmen als am höchsten ausgebildet gelten, haben derzeit eine der geringsten Möglichkeiten auf ein angemessen planbares Leben in der Zeit, in der „alle anderen“ mit Familiengründung beschäftigt sind.
  • Es wird unglaublich viel Geld in Ausbildungen gepumpt, die zu einer unsicheren Lebenssituation führen (Postdocstellen sind zeitlich eng begrenzt), da der wissenschafliche Mittelbau an den Universitäten und Instituten immer weiter zusammengeschrumpft wird.
  • Die Situation wird verschärft dadurch, dass bei einer durchschnittlichen Vertragsdauer von 1 bis 2 Jahre in denen geforscht, gelehrt, publiziert, Netzwerke aufgebaut, Profil geschärft, Kongresse besucht werden sollen bei jedem nicht sofort erfolgreichen Projekt die Finanzierung schnell stillsteht und wirklich bahnbrechende Forschung letztendlich nur den  Gruppen vorenthalten ist, die ein genügend großes Finanzpolster haben. Ich stelle hier grundweg die Freiheit von Lehre und Forschung in Frage, wenn das Recht des Stärkeren gilt.
  • Das Wissenschaftszeitgesetz stellt für viele Wissenschaftler eine Deadline dar, in dessen Rahmen sie sich einen festen Stand (feste Finanzierung an einem akademisch forschenden Institut, unbefristete Stelle) aufbauen müssen. Sind die oben diskutierten Rahmenbedingungen nicht gegeben, zuzüglich einer freien Stelle als Gruppenleiter oder Professor, ist danach Schluß und man ist gezwungen, den Elfenbeinturm für immer zu verlassen. Das ist insbesondere für Wissenschaftler, die die letzten Jahre wie oben beschrieben verbracht haben nahezu nicht möglich.
  • In der akademischen Wissenschaft gescheiterte Wissenschaftler werden insbesondere von offizieller Stelle als Nutznießer der Gesellschaft angesehen, sie endlich mal einer richtigen Arbeit nachgehen sollen. Innerhalb der akademischen Wissenschaft sind sie eben der Ausschuß, der unwichtige Teil, den man nicht mehr sieht, wenn sie erst einmal weg sind, der Abschaum.

Was ich mich an dieser Stelle frage ist nicht, ob das nun gerechter Sozialdarwinismus ist oder nicht, sondern ob es nicht möglich ist, eine alternative Kultur zu schaffen, die nicht darauf baut, sich gegenseitig vom Pferd zu schupsen. Letztendlich sitzen ja alle Akademiker im gleichen Boot, haben aber offenbar keine eigene Lobby. Warum eigentlich nicht? Es wäre doch für alle Seiten entspannter, wenn man zusammenarbeiten würde, statt sich gegenseitig auszubooten. Wenn sich Arbeitsgruppen nicht primär als Konkurrenten auffassen würden, Wissenschaftler zu Egozentrikern erzogen würden, und Kongresse nicht den Anschein einer riesigen Werbeveranstaltung hätten. Ich sehe jedenfalls auf lange Sicht keine gute Zukunft in einer wissenschaftlichen Kultur, die sich wie in William Gibsons Roman Neuromancer benimmt:„like a deranged experiment in social Darwinism, designed by a bored researcher who kept one thumb permanently on the fast-forward button.“

neue Datenbanken und „Treffen sich zwei Elemente“

Sollte man über Bücher schreiben, in die man erst 30 Seiten vorgestoßen ist? Wie dem auch sei: Sam Keans Buch „Treffen sich zwei Elemente“ ist eine äußerst vergnügliche Reise in die Welt der Chemie. Lauter Anekdoten und kleine Geschichten, Mythen, fabelhaftes und gruseliges gepaart mit Wissenschaft. Leider läßt sich das nicht in einem Ruck verdauen, daher nur kleine Dosen, damit überhaupt was hängenbleibt.

Außerdem neu auf der Seite: Unter Bio-Info findet Ihr als neuen Eintrag die Übersicht aller Datenbanken, die in Nucleic Acid Research vorgestellt werden. Diese Sammlung wird einmal pro Jahr upgedatet, sie scheint also immens brauchbar zu sein.

Ökonimisierung der Wissenschaft- ein Buch von Münch

Wie (bereits vor einem Monat…mea culpa) versprochen, ein Beitrag zu Richard Münchs Buch: Globale Eliten, lokale Autoritäten, Bildung und Wissenschaft unter dem Regume von PISA, Mckinsey & Co.. Die FAZ hatte schon nicht ganz unrecht, wenn sie schreibt, dass Münch in diesem Buch Opfer seiner eigener Argumente geworden ist und dieses Buch selbst Zeugnis einer desolaten Hochschulsituation… Aber der Reihe nach.

Ich habe in diesem Buch so viel angestrichen, gerade weil in den letzten Wochen auf SPON ein paar Artikel von Studenten zu lesen waren, die sich derzeit nicht im Stande fühlen, den Appell „seid Rebellen und keine Mitläufer“ irgendwie durchzuführen. Und weil ich passend dazu von verschiedenen Profs gehört habe, wie schlecht doch die neuen Studenten an den Unis, so frisch von der Schule so seien. Und von Lehrern, das die Abiturienten auch nicht mehr so klug wie früher seien. Was Münch macht und das macht er gut, ist in unglaublich verschwurbelt hochgestochenem Deutsch auseinanderzusetzen, woran das denn liegt. Dass sowohl das Schul-, als auch das Universitätswesen einem Wandel in Richtung Ökonomisierung unterliegt. Dass dieser Prozess zu einem clash von internationalen Vorgaben und Denkmodellen mit historisch gewachsenen Strukturen führt, die alle überfordert: Die Lehrer, die beides vermitteln sollen (und gerade in Deutschland nicht unbedingt wollen), die Schüler, die alles lernen sollen und die Hochschulen, die plötzlich dank publish or perish wie Unternehmen zu funktionierne haben, aber es (noch) nicht können. Ernüchternd ist die Einschätzung, dass dieser unbefriedigende Schwebezustand gut noch einige zehn Jahre so weitergehen soll. Und dass in der Zwischenzeit das Bildungssystem eben nicht gerechter, sondern wesentlich ungerechter sein wird, als bisher, da die ökonomischen Eliten immer die Bildungseliten stellen werden.

Münch vergleicht in seinem Buch unter anderem die USA, Finnland und Deutschland und diesbezüglich sind mir einige interessante Sachen im Gedächtnis geblieben:

-Trotz guter PISA-Ergebnisse ist die Jugendarbeitslosigkeit in Finnland wirklich hoch. PISA Ergebnisse sind also nicht auf Arbeitserfolg übertragbar.
-Ein Test von 15 Jährigen sagt auch in den USA NICHTS über deren späteren Berufserfolg aus

-oligachische Strukturen (an den Unis. Wirklich schöne Beschreibung) lähmen systematisch den wissenschaftlichen nachwuchs und unterbinden den Erkenntnisforschritt.

-die Ökonomisierung der Forschung unter gleichzeitiger Beibehaltung des alten Oligarchischen Systems an deutschen Universitäten gebiert die absurde Situation, ‚dass Geld für Stellen eingeworben wird, die mit Mitarbeitern besetzt werden, die allein schon aus der Personalstruktur der Universitäten heraus keine Karrierechancen haben‘ Und das wurde in einer Studie der DFG aus 2006 so geschrieben. ‚Die Uni wird dafür belohnt, Mitarbeiter auszubeuten und davon abzuhalten, dort Karriere zu machem, wo es für sie eine langfristige Perspektive gibt‘. Wie ich in einem anderen Artikel (und sicher anderweitig mehrfach) schrieb: solange die Beteiligten den Zirkus mitmachen, wird sich daran auch nichts ändern. Vielleicht tut es das aber gerade auch durch eine neue Generation von Studenten, die sich nicht mehr das Leben aussaugen lassen, nur, damit auf dem Papier alles schick aussieht.

Also, auch wenn die FAZ das Buch als große Selbstbemitleidung darstellt, mir hat es geholfen zu verstehen, was ein System da gerade vor sich hin gärt und warum die Probleme so liegen, wie sie sind. Daher von mir eher die Empfehlung, das Buch zu lesen, Schlüsse daraus zu ziehen und danach zu handeln.

Was die Schlüsse angeht, so kann man ein schönes und irgendwie nachvollziehbares Beispiel in Stephan Thomes: Flihkräfte, das ich überhaupt nicht so melancholisch empfand, wie es die FAZ schreibt. Vielleicht haben die ein anderes Buch gelesen?

Betrug in der Wissenschaft

Im Spon stand ein link zu einer Debatte, in der unter anderem gefordert wird, wissenschaftlichen Betrug unter Strafe zu stellen. Woher kommt überhaupt Betrug, wenn doch die wissenschaftliche Welt einen so großen Wert auf Vergleichbarkeit, Vertrauen in Beweise und den Begriff der Ehre legt? Da das Thema nicht gerade neu ist, gibt es dazu viele Stimmen im Netz, die sehr anschaulich zeigen, wie Wissenschaft heutzutage funktioniert:
Causescience fasst das zum Beispiel so zusammen:

many systemic problems currently plaguing science, that are, and unless remedied, will continue to destroy the innovative productivity of science. This includes the hyper-competitive nature of science that is driven by a winner-takes-all system, which in turn fosters sloppiness/fraud, and supports ‘safe’ rather than truly innovative science.

Wissenschaft, insbesondere Teile der Naturwissenschaften sind immens teuer. Geld bekommt man für neue Projekte nur, wenn alte (gegen Geld) publiziert wurden, Geräte, Methoden, Auswertungen gehen in die zigtausende und im Zweifelsfall ist der Konkurrenzdruck auf bestimmten Themengebieten so groß, dass 5, 6 Labore mit ungefähr der gleichen Zeitplanung an denselben Fragen forschen. Der Druck zu publizieren wird gut in der bekannten Phrase „publish or perish“ zusammengefasst und das zusammen mit den Machtstrukturen innerhalb der Wissenschaft hängt wohl am engsten mit den Betrugsfällen zusammen, die immer wieder entdeckt werden.

Letztendlich liegt vieles also daran, dass Wissenschaft ökonomiesiert wurde und der Trend sich eher ausbreitet, als dass er abnimmt. Solange es in der Wissenschaft um Humankapital, um vermarktbare Produkte, um die enge Koppelung zwischen wissenschaftlichem und wirtschaftlichem Vorsprung, um die zunehmende Privatisierung von Wissenschaft, um den Rückzug staatlich generell verfügbarer finanzieller Töpfe geht; vor allem: Solange Wissenschaftler diesen Zirkus mitmachen und sich in dieser Spirale mitreißen lassen, werden auch Betrugsfälle nicht abreißen.

(Der nächster Beitrag, so er denn fertig wird, wird sich mit Richard Münchs Buch zu globalen Eliten und der Ökonomisierung von Wissen und Wissenschaft beschäftigen.