Musterbrecher, Digital Natives und warum man mittags nach Hause gehen kann

Dieser Artikel wird vielleicht nicht ganz rund, denn er behandelt noch recht unfertige Gedanken zu drei Büchern, die ich in den letzten Tagen gelesen habe. Ihr erinnert Euch noch an den Work-Life-Bullshit von Thomas Vasek? Darauf aufbauend und weil das große orangefarbene Dingens mich dazu verführt hat und wegen einigen anderen Gründen habe ich mir also wieder Bücher zugelegt und gelesen und zwar Ronald Hanisch: Das Ende des Projektmanagements (Digital Natives), Detlef Lohmann: Und mittags geh ich heim (Unternehmensführung) und Stefan Kaduk, Dirk Osmetz, Hans A. Wüthrich und Dominik Hammer: Musterbrecher (Unternehmensführung). Jetzt hatte ich auch einen Grund, mal eine Woche nichts zu schreiben, nicht? Bevor Ihr fragt, nein ich hatte auch nicht gedacht, dass ich mich mal eingehender mit solcher Literatur befasse.

Also: Rundherum findet man in allen drei Büchern dieselben Grundgedanken: Projektmanagement nach Hierarchien, nach berühmten Balancedreiecken, nach fester Planung, ohne Berücksichtigung des Menschen im Mitarbeiter funktioniert heute nicht mehr. Das, weil inzwischen eine andere Generation im arbeitsfähigen Alter ist. Generation Y/Digital Natives..wie man sie auch nennen mag, die nach 1980, auch wenn die Charakteristika auch auf Leute außerhalb dieses Zeitrahmens passen, wie sonst hätte ich mich in diesen Büchern so gut wiederfinden können? Projektmanagement funktioniert nicht mehr, weil die Rahmenbedingungen aus Wirtschaft und Gesellschaft heute anders sind, weil alles schnelllebiger ist, alles unverbindlicher. Weil arbeitende Menschen ihre eigene Entwicklung vor der Loyalität zum Arbeitgeber sehen, lieber Leben und Arbeit miteinander integrieren, statt es zu trennen, weil direkte Kommunikationswege gefordert werden und das in hierarchischen Strukturen nicht funktioniert, nicht schnell genug ist, nur Zeit und Nerven (und Papier) kostet.

Was mich an den Büchern beeindruckt hat, war, dass es so ziemlich den Nagel auf den Kopf trifft, wie eine gute Arbeitsumgebung funktioniert, nehmlich auf Basis gegenseitiger bewusster Verantwortung und direkter Interaktion. Auf größtmöglicher Transparenz, das alle Beteiligten zum Beispiel wissen, wieviel Budget man wirklich noch zur Verfügung hat, welche Geräte wie genutzt werden oder Leerlaufzeiten haben, wer über welche Fähigkeiten verfügt, wen man also bei welchen Problemen ansprechen kann, auf der Möglichkeit sich in fluktuierenden kleinen teams zur Lösung eines Problems zusammenzuschließen ohne dass jemand von oben dazwischenfunkt und das alles als überflüssig ansieht. Dagegen sehe ich auch klarer, was bei verschiedenen Organisationen eingeschlossen eines gewissen großen Forschungsinstituts mindestens zum Teil schief läuft: Feste, nicht überlappende Zuständigkeiten (und Herr Maier ist noch im Urlaub/auf Weiterbildung/krank…jedenfalls nicht da), keinerlei Transparenz über Kompetenzen, verfügbares Budget, Material, verfügbare Zeit. Starre Projektplanung-und das, wo sich Projekte in der Forschungslandschaft jederzeit ändern können. Miese Dokumentation von eigentlich selbstverständlichen Arbeitsabläufen und indirekte Kommunikationswege, laaaaaaange unproduktive Meetings, starre Teams. Dass Mitarbeiter anwesend sind, um Anwesenheit zu zeigen, Zeit mit überflüssigem wiederholten Erfinden des Rades vergeuden (wegen der miesen Dokumentation) und dass dem Mitarbeiter weder Wertschätzung, noch Verantwortung entgegengebracht wird.

Das ist besonders interessant, denn alle drei Bücher zeigen das, was man eigentlich schon weiß, weil man es mit vielen Leuten bereits an der Kaffeemaschine dirkutiert hat: Wertschätzung und das Zutrauen von Verantwortlichkeit, Eigenverantwortung der Arbeit, dem Budget, der Organisation von Zeit, Partnern, Wissenszuwachs ect. gegenüber ist zunehmend das, was gute Arbeit ausmacht. Der Chef muss eine Vorbildfunktion wahrnehmen, denn nur so sind Mitarbeiter auch motiviert, entsprechend zu arbeiten oder sich auch bewusst Zeit zum Ausspannen und Nachdenken, zum faulenzen und Ideen sammeln zu nehmen. Mitarbeitern muss Verantwortung zugetraut werden. Die besten Wissenschaftler, die ich kenne sind die, die bereits sehr früh eigenverantwortlich hinsichtlich ihrer Projekttziele und der benötigten Dinge (Wissen, Partner, Material, Methoden) mit entsprechender Verantwortung auch über ihr Budget gearbeitet haben. Natürlich gibt es Menschen, die gern die Verantwortung an der Haustür ihres Arbeitsplatzes abgeben, aber in der Wissenschaft, wo jeder letztendlich in die Verantwortung spätestens im Rahmen einer öffentlichen Präsentation gezogen wird, muss man doch vom mündigen Bürger, vom selbstbestimmten Menschen ausgehen und nicht von einer Person, die man bei jedem Schritt an die Hand nehmen muss.

Beachtet man dies nicht, so kann ein falscher Führungsstil schnell die Kompetenz eines Mitarbeiters ins Gegenteil verkehren: Menschen entwickeln sich zurück zu ihren inkompetenten Anfängen. Und in einer Gesellschaft, in der es immer mehr um einen Sinn des Lebens im Rahmen einer selbsterfüllenden Entwicklung geht, sind solche Arbeitsverhältnisse mehr als schädlich.

Wo bleibt aber der Projekt/AG/Institutsleiter, wenn alle eigenverantwortlich arbeiten? Er ist derjenige, der die „Vision“ hat. Das klingt alles ein bisschen so ungelenk, wie in dieser Steve Jobs Biographie dargestellt? Mag sein. Mag auch sein, dass eine offene Unternehmensstruktur nicht immer funktioniert, denn sie fällt immer dann auseinander, wo die Mitarbeiter nicht an einem Strang ziehen, sondern nur ihrem persönlichen Vorteil hinterherhecheln. Vielleicht muss man ein bischen naiv sein, um so eine Offenheit zuzulassen, aber wie im vorherigen Artikel muss das ja auch nicht schlecht sein?

Wie gesagt, der Artikel hier ist eher krude und noch nicht ganz reif. Hier ist es wirklich nur eine Gedächtnisstütze, eine Anregung zum Lesen und eine Einladung zur Diskussion. Was mich nicht abgehalten hat, ihn zu veröffentlichen, damit wir uns an der virtuellen Kaffeemaschine treffen

James MacIntosh: Die menschliche Geisteskraft steigt proportional zur getrunkenen Kaffeemenge

1997

1997 hatte ich noch keinen Computer (nein, echt? hatteste nich? Nee, hatte ich nich.). da war auch noch nicht daran zu denken, womit ich mich so tagein, tagaus beschäftigen würde, so 13 Jahre später. Es ist irgendwie deprimierend, wenn man dann mitbekommt, dass bereits zu dieser Zeit bestimmte Dinge in der Bioinformatik kritisiert wurden, die man sich selbst erst Jahre später erarbeitet hat. In Neal Stephensons Roman Anathem kommt ein Orden vor, dessen zentrale Philosophie davon ausgeht, dass jeder Gedanke bereits gedacht und von jemandem formuliert wurde und man sich damit ersparen kann, sich in gedanklichen Sackgassen weiterzubewegen. Warum das aber (wie in vielen Bereichen) auch auf Kritikpunkte in der bioinformatischen Analyse zutrifft, möchte ich gern wissen. Trotz allem wissenschaftlichen Fortschritt: Seit Jahrzehnten bleiben die Fehler die gleichen:

„(The) example illustrates some general issues of bioinformatics. First, database searching is as much an experimental procedure as are methods carried out at the laboratory bench and thus publications should include a detailed description of the procedures used. In the case of computational biology, precisely which databases were searched, the program(s) used to search them, and the parameters of these programs are important details. Secondly,in many cases, searching of general purpose databases with default parameters may be inadequate.“ (Makalowski. Hum Genet (1997) 99 : 696–697 ).

„Großhirn an Faust: Ausfahren und zuschlagen!“

Wahrscheinlich waren wir alle der Illusion erlegen, dass sich mit Plattformen wie Vroniplag die Welt zu einem besseren bekehren läßt. Dass die Problematik von Plagiaten in der Wissenschaft die breite Öffentlichkeit erreicht, die aufgedeckten Fälle von den Universitäten erneut geprüft werden, den Betrügern die Titel aberkannt werden und die Plagiierten en masse Strafanzeigen stellen, damit sie als Betrogene auch vor Gericht Recht bekommen. Damit sich die Betrüger mit der Tatsache konfrontiert sehen, dass ihr Betrug ihnen den Leumund,Arbeit und einen gut Teil ihres Lebens kostet, wie das auch in den „unteren Schichten“ der Fall ist, in denen Verkäuferinnen wegen gegessener Schrippen und vergessenem Wechelgeld rausgeschmissen und ihrer Existenzgrundlage beraubt werden.

Wie wir aber sehen, wird in bestimmten Umgebungen, Netzwerken, Parteien (?) Betrug als Adelszeichen von Charakterbildung angesehen. Wie sonst ist es zu erklären, dass Herr G, verkünden nach der Farce, die Aberkennung seines Titels begleitete, verkünden darf, dass er nicht nur ein, nein zwei Sabbatjahre nimmt (denn er hats ja auch). Angeblich, um Abstand zu gewinnen. Tatsächlich werden wir in zwei Jahren sehen, wie  G. wieder  einen Neustart wagt, mit frisch aktualisiertem Lebenslauf, der ihm eine entspannte, doch hochdekorierte Tätigkei von irgendwo wo die Sonne scheint bescheinigt. Aber das in zwei Jahren.

Ein Schlag ins Gesicht kam gestern über  SPON. Wir konnten gerade noch damit  umgehen, dass SKM angesichts der sie  betreffenden Plagiatsvorwürfe vorzeitig alle Ihre arbeitsintensiveren und verantwortungsvollen Ämter niederlegte, unter Beibehalt ihres profitablen und recht bequemen EU-Mandats (sie ist ja eh nie da, angeblich wegen der Kinder). Wir wunderten uns ziemlich, dass sie SKM erdreistete, nach Aberkennung ihres Doktortitels Ihre Universität anzuklagen, sie hätten die Arbeit nicht erst annehmen dürfen. Weil man jedem Doktoranden, der sich in der Aufnahme einer Doktorarbeit bereits den Regeln wissenschaflticher Praxis unterwirft (wenn er es ernst meint), Betrugsabsicht unterstellen sollte? Weil die aufgezeichneten Mängel im Gutachten damals ebenfalls falsches Zitieren beinhalteten? Absurd ist, dass SKM ihre Forschungsförderung, die sie im Rahmen ihrer Dissertation erhalten hat nicht zurückzahlen muss. Und das, obwohl es im Prüfungsgutachten unter Punkt 6. Vorläufige Bewertung heißt: „Es stellt sich die Frage, ob es durch die Förderung der Arbeit durch die Friedrich-Naumann-Stiftung mit Mitteln des Ministeriums für Bildung, Wissenschaft, Forschung und Technologie zu einer Zweckentfremdung von Steuergeldern gekommen ist.“ Es ist schon eine grobe Dreistigkeit, dass entsprechende Stiftung  meint, für die Prüfung der rechtmäßigen Verwendung der Gelder nicht zuständig zu sein, wie es sonst bei jedem anderen öffentlich geförderten Forschungsprojekt ist (bei dem man selbst kleinste Summen nicht einmal innerhalb des Projektes umwidmen kann und eine lückenlose Buchführung zwingend vorgeschrieben ist).

Was aber dem Fass den Boden ausschlägt ist, dass SKM nun zum Vollmitglied im Ausschuss für Industrie, Forschung und Energie ernannt wurde. Nicht nur trotz des nachgewiesenene Betrugs, bei der jeder andere Arbeitgeber mit einem Rausschmiss reagiert hätte, nein auch noch in einen Auschuss, der sich unter anderem mit der Vergabe von Forschungsgeldern beschäftigt. Weil sich SKM so gut damit auskennt, Forschungsgelder für gemeineigennützige Zwecke zu verwalten? Alles daran zeigt doch nur, wie wenig gute und vor allem saubere Arbeit wert zu sein scheint, wenn es um die Vergabe von Posten geht. Alles das zeigt doch nur, wie sehr Leute in Entscheidungspositionen darauf scheißen, ob man betrogen hat, gelogen und Gelder veruntreut, die Ergebnisse geklaut oder geschönt oder erfunden. Hauptsache, das Ergebnis ist indiskutabel, der Lebenslauf groß und bedeutend genug, dass man sich als Entscheidungsträger mit ihm stellvertretend schmücken kann.

Man  wundert ich überhaupt nicht: „So entsteht ein dumpfes Klima, in dem auch die kleinen, die studentischen Guttenbergs gedeihen.“

Wenn dieses Klima nicht dazu führte, dass „echte“ Wissenschaflter auf der Strecke bleiben, könnte man lachen und es einfach genauso machen Aber es ist nicht zum lachen. Wir sind wütend.

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update: Andere können natürlich viel besser schreiben. Hier in der FAZ.

update2: SKM hat gestern den Forschungsausschuss verlassen, um, wie es heißt, in einen anderen Ausschuss zu wechseln. Als ob es damit reichen würde…