Tot arbeiten

Ich hab gut reden: Es ist schließlich halb 8 Uhr Abends und ich bin natürlich noch im Labor um eine Reaktion abzuwarten. Trotzdem kann das eigentlich nicht angehen. In London ist ein junger Anwaltsanwärter vor einigen Tagen tot in der Dusche aufgefunden worden, nachdem er drei Tage am Stück gearbeitet hat. Auf seinem Grabstein wird stehen: Er hatte eine vielversprechende Zukunft vor sich. Und die hatte er auch, schließlich war er immer der erste, immer der letzte, den ungeschriebenen Gesetzen folgend, dass der gewinnt, der als letztes geht und der verliert, der nach der Uhr schaut. Das gilt natürlich nicht nur für juristische oder Wirtschaftsberufe, in der Wissenschaft ist es genauso. Man merkt das daran, dass die Busse auf dem Campus im Schnitt zwischen 17 und 18.00 im 10 minutentakt fahren, sonst alle 20. Dass es nach 19.00 ist und immernoch die Hälfte der Doktoranden und Postdocs da sind. Dass ein Kollege hochgeschätzt wird, weil er trotz chronisch krankem Kleinstkind jeden Tag 12 Stunden am Paper arbeitet (während die Karriere seiner Frau, O-ton aus der Leitungsebene,“jetzt vorbei ist“ ). Nach Aussage einer Kollaborators in Übereinstimmung mit der Leitung erwartet meinen Kollegen ebenfalls „eine vielversprechende Zukunft“. In Japan gibt es dafür einen Begriff „karoshi„. Die Diskrepanz herrscht dort, wo solche Arbeitsintensität als normal gefordert und zum Teil empfunden wird (erzähl mir was von Sozialdarwinismus), auf der anderen Seite offenbar aber die 30-50-Jährigen das doch gar nicht wollen (leider den link verkramt…im Spiegel oder in der Zeit). Wieso rennen wir dann also trotzdem im selben Hamsterrad und versuchen uns gegenseitig maximal herunterzuschupsen, anstatt dagegen was zu tun?